Um einen vertiefenden Blick auf das Jahresthema Heimsuchungen/Hauntings zu richten ist der Künstler Qusay Awad eingeladen ein künstlerisches Forschungsprojekt umzusetzen. Ziel des Projekts ist es im Hinblick auf das kommende Jubiläumsjahr 2027, die zehnjährige Ausstellungsgeschichte in Relation zur Geschichte und Architektur des Ortes selbst zu betrachten und aufzuarbeiten. Im Laufe des Jahres werden Zwischenstände des Projekts gezeigt. Ab Oktober wird das Ergebnis des Projekts im Bärenzwinger präsentiert.
Kuratiert von Alin Daghestani und Hannah van der Est
Akt 1 Denn Bleiben ist nirgends 12. bis 14. Juni 2026
Akt 2 Schmeckt denn der Weltraum in den wir uns lösen, nach uns? 07. bis 09. August 2026
Akt 3 Nirgends wird Welt sein, als innen. 16. bis 18. Oktober 2026
Angelehnt an Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien (1922) entwickelt sich das künstlerische Programm des Bärenzwingers in einer vierteiligen Dramaturgie im Zeitraum vom 15. Mai bis zum 18. Oktober. Über zehn Jahre hinweg geschrieben, zeichnet Rilke in den Klageliedern eine Suchbewegung nach, die bei der Anrufung an vergangenen Orten, Personen und Dingen beginnt und daraufhin zu der Frage nach dem Umgang mit dem Fehlenden führt.
Im Spannungsfeld von Konservation und Transformation wird das Denkmal Bärenzwinger zur Kulisse und Bühne für die künstlerische Suche nach dem Umgang mit Verlust im Hinblick auf eine ungewisse Zukunft.
Rilkes Antwort hierauf ist keine Lösung, sondern eine Bewegung: Erinnerungen überleben nicht durch Konservierung, sondern indem sie in neue Kontexte eintreten und sich dabei verändern — und so den Weg für das freimachen, was noch nicht da ist. Während es für Rilke kein abschließendes Ende der Elegien gibt, stellt das Programm die Weichen für das 10 Jährige Jubiläum des Bärenzwingers als kommunale Galerie im Jahr 2027.
Kuratiert von Luise Haubenreiser, Philipp Hennch, Pauline Kling, Kaya Peters, Nicola Reißer, Niva Sann und Josephine Steffens
Programm Akt I
LINE UP:
Freitag, 12.06. 19 – 22 Uhr: Listening Session mit theories
Samstag, 13.06. 14 – 16:30 Uhr: Workshop »How to perform a scream (I keep a roar in my mouth)« mit Nadja Kracunovic 17 – 18 Uhr: Lecture Performance mit Paula Schopf 19 – 20 Uhr: Performance mit Sofya Sheikut, begleitet von Katsia Kaya
Sonntag, 14.06. 14 – 15 Uhr: Radio Performance »My deeds don’t fit my name« mit Yasmeen Al-Qaisi 17 – 18 Uhr: Performancekonzert »SHOW ME THE BODY« mit Agata Siniarska alias TATARI mit Ilya Subkoff
Unter dem Titel Denn bleiben ist nirgends lädt der erste Akt des künstlerischen zu einer Form der Anrufung ein und fragt nach Wegen, Verborgenes an die Oberfläche zu holen. Stimme, Klang und körperliche Ausdrucksformen verweben sich dabei zu einem polyphonen Geflecht. Das Programm bewegt sich zwischen den experimentellen Soundarbeiten der DJ theories und einer Lecture-Performance der Soundkünstlerin Paula Schopf, lädt mit Nadja Kracunovics Workshop »How to Perform a Scream« zur körperlichen Erkundung ein, lässt Butoh-Improvisation und Soprangesang in der Begegnung von Sofya Shaikut und Katsia Kaya zusammenfinden und klingt mit Jasmina Al Qaisis Radio-Performance und einem performativen Nachhall von Agata Siniarska aus.
Freitag, 12.06., 19 – 22 Uhr: Listening Session mit theories theories ist eine audiovisuelle Künstlerin und Musiksammlerin aus Bogotá Berlin lebt. Seit über einem Jahrzehnt erforscht sie das klangliche Spektrum mit einem besonderen Fokus auf unerwartete Kompositionen, eigenwillige Elektronik, gebrochene Rhythmen und subtile klangliche Tiefenschichtungen. Durch die Verbindung atmosphärischer Klanglandschaften mit spontanen Setzungen schafft sie immersive Hörerfahrungen zwischen Bewegung und Stillstand. Ihre Sets eröffnen dem Publikum vielschichtige, klangliche Narrationen, die von Imagination, Harmonie und Rhythmus geprägt sind.
Samstag, 13.06., 14 – 16:30 Uhr: Workshop »How to perform a scream (I keep a Roar in My Mouth)« mit Nadja Kracunovic How to Perform a Scream? ist eine Workshop-Reihe, die die Stimme als Werkzeug von Widerstand, Erinnerung und kollektivem Ungehorsam erforscht. Durch Stimmübungen, Text, Spoken Word, Polyphonie und experimentelle Chorpraktiken wird die Stimme als Ort persönlicher und politischer Geschichten aktiviert. Geleitet von der in Berlin lebenden interdisziplinären Künstlerin Nadja Kracunovic stützt sich das Format auf Performance, Kritische Theorie und Pädagogik und hinterfragt dominante Narrative durch Klang und körperlichen Ausdruck.
Samstag, 13.06., 17 – 18 Uhr: Lecture Performance mit Paula Schopf Paula Schopf ist eine in Chile geborene, in Berlin lebende DJ, Produzentin, Klangkünstlerin und Forscherin. In den späten 1990er Jahren wurde sie unter dem Namen Chica Paula in der Berliner elektronischen Musikszene bekannt und war Teil der „Chilean Connection“ um Künstler*innen wie Ricardo Villalobos und Dinky. Heute umfasst ihre Praxis Klangkunst, Forschung und Lehre. Durch die Arbeit mit Field Recordings und synthetischen Klängen ermöglichen ihre Installationen und Performances eine Auseinandersetzung mit ästhetischen, sozialen und politischen Fragestellungen.
Samstag, 13.06., 19 – 20 Uhr: Performance von Sofya Shaikut, begleitet von der Sopranistin Katsia Kaya Sofyas Stücke sind Einladungen, etwas anderes zu werden: ein Bild, ein Rhythmus, ein unbekanntes Wesen. Ihre im Butoh verwurzelte Praxis ist eine sich wandelnde Arbeitsweise, inspiriert vom Paradox der Unmenschlichkeit des Menschen. Sie versteht Choreografie als Beziehung zum Übermenschlichen und entwickelt Formen, die den Einzelnen vollständig erfassen und in etwas Anderes verwandeln. Ihre Improvisationen sind ein fortwährendes Werden und Vergehen, in dem unbekannte Präsenzen im Körper willkommen sind und ein Weg zum Sakralen entsteht, während der Körper sich im Gesang des Tanzes selbst vergisst.
Sonntag, 14.06., 14 – 15 Uhr: Radio Performance »My deeds don’t fit my name. A circumlocution«von Yasmeen Al-Qaisi
Yasmeen Al-Qaisi ist Autorin für Sprache und Papier und tritt gelegentlich auch in anderen Rollen auf, etwa als „wandelnde Wissenschaftlerin“, als „schnelle musikalische Hilfe“ oder als einzige Vertreterin des „Büros für selbsternannte Selbstberechtigung“. Yasmeen hört zudem mit ihren Händen zu und sorgt mit Klängen auf freien, unabhängigen, temporären, mobilen Radiosendern und öffentlichen Radiosendern für Aufsehen.
Sonntag, 14.06., 17 – 18 Uhr: Performance-Konzert »SHOW ME THE BODY« von Agata Siniarska alias TATARI Der Körper ist nicht nur das, was in den Grenzen der Haut eingeschlossen zu sein scheint. Der Körper ist ein Konglomerat aus verschiedenen Zuständen, Dynamiken, Oberflächenstrukturen und Bildern. In seinen Möglichkeiten schafft er eine vielschichtige Landschaft aus Bewegung und Klang, er ist eine Symphonie aus Schwingungsfrequenzen. SHOW ME THE BODY ist eine Konzert-Performance, in der der Körper der Performerin verschiedene Intensitäten durchläuft. Konzept und Performance: Agata Siniarska a.k.a. TATARI in künstlerischer Zusammenarbeit mit rat milk.
Die Einzelausstellung von Nina Paszkowski spielt unter dem Titel »Furore« auf das Spektakel an, das den Bärenzwinger seit jeher heimsucht: das Prinzip des Vorführens und Inszenierens – ob durch lebende Tiere, ideologisch aufgeladene Stadtidentität oder zeitgenössische Kunst. Dabei beschreibt Furore ein Aufsehen, das sich zwischen Faszination und Unbehagen bewegt. Was anzieht und begeistert, kann in Empörung oder Wut umschlagen. Mit dieser Wut setzt sich Nina Paszkowski anhand mythologischer Wesen auseinander, deren Name im Ausstellungstitel anklingt: den Furien. In der griechischen Mythologie erscheinen sie als wütende Rächerinnen, die jedoch durch einen Akt der Gnade eine Menschwerdung erfahren und sich in die milden Eumeniden wandeln.
In »Furore« treten die Furien als überlebensgroße Wächterinnen in Erscheinung. Vor dem Hintergrund der Geschichte des Ortes, in der das Spektakel stets auch mit Kontrolle und Gewalt verbunden war, bleibt offen, ob sie hier Rache üben oder Gnade walten lassen werden. Bei Paszkowski verharrt Wut nicht im Zerstörerischen. Sie erscheint vielmehr als eine Kraft, die bestehende Verhältnisse aufbricht und neue Formen des Miteinanders denkbar macht. Die Transformation der Furien spiegelt sich durch eine sich verändernde Werkkonstellation im Bärenzwinger selbst wider: Während der neunmonatigen Laufzeit bricht Wut in Form keramischer Wucherungen aus den Wänden des Zwingers hervor und bahnt sich neue Wege. Zurück bleiben offene Wunden, die Verletzlichkeit in den Raum einschreiben und Fragen nach dem Fortwirken von Gewalt und Heilung aufwerfen.
Kuratiert von Janine Pauleck, Tina Quednau, Annika Reketat
cun_t ist ein DJ-Duo, das sich zwischen Basslines, crunchy 808-Rhythmen und hypnotischen Grooves bewegt. Geprägt von jahrelanger Freund*innenschaft und einem kontinuierlichen Musikaustausch schöpfen ihre Sets aus kollektiver Freude und Sister*hood.
Dieses Mal vertritt Elena cun_t mit einer liebevoll kuratierten Mischung aus rohen Old-School-Tracks, melodischen Acid-Lines und verspielter Percussion.
Nina Paszkowskilebt und arbeitet in Köln. In ihrer künstlerischen Praxis setzt sie sich mit Themen wie Begehren, Macht und der gegenseitigen Abhängigkeit von Lebewesen auseinander. Sie arbeitet mit Keramik und Papier und entwickelt daraus räumliche Arbeiten, die das Spannungsverhältnis zwischen Individualität und Verbundenheit untersuchen. Ihre Installationen bestehen häufig aus großformatigen papiernen Cut-Outs, für die sie das Papier teilweise selbst herstellt, sowie keramischen Skulpturen, die – ebenso wie die Papierarbeiten – Fragilität und Durchlässigkeit thematisieren.
Im Kontext des Jahresthema »Heimsuchungen / Hauntings«entfaltet sich das künstlerische Programm des Bärenzwingers in einer vierteiligen Dramaturgie. An vier Wochenenden des Jahres, im Zeitraum vom 15. Mai bis zum 18. Oktober befassen sich der Prolog und die drei Akte mit vergangenen Orten, Personen und Dingen und nehmen das Fehlende ernst — das nicht mehr greifbare als Abwesenheiten, die trotzdem wirken, und als Frage, die keine einfache Antwort kennt. Im Spannungsfeld von Konservation und Transformation wird das Denkmal Bärenzwinger zur Kulisse und Bühne für die künstlerische Suche nach dem Umgang mit Verlust im Hinblick auf eine eigene, ungewisse Zukunft.
Angelehnt an Rainer Maria Rilkes »Duineser Elegien«(1922) entwickelt sich ein Programm aus Performances, Workshops, Lesungen und Listening Sessions. Im Zeitraum von zehn Jahren geschrieben, zeichnet Rilke in den Klageliedern eine Suchbewegung nach, die bei der Anrufung an Abwesendes beginnt und daraufhin zu der Frage nach dem Umgang mit dem Fehlenden führt. Wie kann man Erinnerungen angemessen konservieren und sie sicher durch die Zeit tragen? Rilkes Antwort ist keine Lösung, sondern eine Bewegung: Erinnerungen überleben nicht durch Konservierung, sondern indem sie in neue Kontexte eintreten und sich dabei verändern — und so den Weg für das freimachen, was noch nicht da ist. Während es für Rilke kein abschließendes Ende der Elegien gibt, stellt das Programm die Weichen für das 10 Jährige Jubiläum des Bärenzwingers als kommunale Galerie im Jahr 2027.
Kuratiert von Luise Haubenreiser, Philipp Hennch, Pauline Kling, Kaya Peters und Josephine Steffens
Performance »Der Puma ist kein deutsches Tier« von Luciano Mazzo
15.05.2026, ab 18 Uhr
Mit dem Prolog am 15. Mai eröffnet der Bärenzwinger das Jahresprogramm »Heimsuchungen«. Als Anrufung ins Leere angelegt, markiert er den Auftakt und stimmt auf den Interpretationszyklus des Jahres ein, der sich, angelehnt an Rainer Maria Rilkes »Duineser Elegien«, als Suchbewegung versteht: Erinnern erscheint hier nicht als bloßes Bewahren, sondern als eine Transformation in neue Kontexte.
Den Einstieg in diese Bewegung bildet die Performance »Der Puma ist kein deutsches Tier« von Luciano Mazzo um 18:00 Uhr.
Luciano Mazzo
Luciano Mazzo ist ein chilenischer Künstler, der in Stuttgart lebt. Er absolvierte einen Bachelor-Studiengang in Theaterwissenschaften an der Universidad de Chile und schloss seinen Master in Bildender Kunst an der ABK Stuttgart mit den Schwerpunkten performative Sprachen und dekoloniale Ansätze ab, unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Sein Hauptthema sind Lateinamerikastudien, wobei er untersucht, wie persönliche Erfahrungen und Affekte dazu beitragen, politische Strukturen und Makrostrukturen der Macht zu verstehen.
Er arbeitet vorwiegend in den Bereichen Performance, Videokunst und Installation und kombiniert dabei Elemente seines schauspielerischen und schriftstellerischen Hintergrunds. So verleihen seine Arbeiten eine starke textuelle Komponente sowie eine körperliche Präsenz und erweitern die Möglichkeiten des Körpers durch das Schaffen von Musik, die Ausführung komplexer Bewegungen und die direkte Verbindung zum Publikum durch Berührung.
Im Jahr 2025 gewann er den Performance-Kunstpreis der ABK. Derzeit bereitet er eine Einzelausstellung für den Ludwigsburger Kunstverein, eine Residenz bei Artist Unlimited (Bielefeld) und ein Werk für die Staatsgalerie Stuttgart vor.
KTTP, Open House: I´d like to talk aboout art, but I have to go to work, 2025
Listening Session des Soundkollektivs Ousia mit monosym und Octo Åeterna
Der Performance folgt eine Listening Session des Soundkollektivs Ousia mit monosym und Octo Åeterna ab 18:30.
Angelehnt an den griechischen Begriff ousia — Essenz, Substanz, Sein — versteht das Kollektiv Sound nicht rein materiell sondern als Kraft, fähig, Menschen zusammenzuführen und zugleich den*die Einzelne*n nach innen zu tragen. Das Ergebnis ist nicht bloß Unterhaltung, sondern Begegnung: das Entstehen neuer Verbindungen — oder die leise Rückkehr zu sich selbst, auf organische, intuitive Weise.
Ran Zhang entwickelt Erzählungen und Objekte aus organischen Mikroaufnahmen, Glaskörpertrübungen sowie Motiven motorischer und visueller Proteine. Sie interessiert sich für ungeplante Zwischenräume zwischen biologischem Wissen und persönlicher Erfahrung und sucht nach Formen einer Individualisierung von Wissenschaft im Alltag. In Neukölln sammelt sie bei Spaziergängen Beobachtungen und dokumentiert poetische Szenen zwischen zurückgelassenen Dingen.
Lolo & Sosaku
Lolo & Sosaku arbeiten mit Objekten, Klängen, Bildern, Bewegungen und den Reibungen zwischen diesen Elementen, um Schwellenzustände zu erzeugen. Materialität, Mechanik und Mystik dienen ihnen dazu, verborgene Energien und Kräfte freizulegen, die in unserem gemeinsamen Leben mit Technologie und obsoleten Geräten wirken. In den vielen Stunden im Atelier beschäftigen sie sich häufig mit der Entropie von Dingen. Sie interessieren sich besonders für Geräusch, Metall, Licht und Wasser.
Anaïs Senli
Anaïs Senli ist Künstlerin und unabhängige Kuratorin. Ausgehend von der Idee des Anderen als Austragungsort von Auseinandersetzung beschäftigt sie sich mit porösen Beziehungen, die uns verbinden und voneinander unterscheiden, sowie mit Fragen danach, was uns menschlich, fremd oder hybrid macht.
Lorena Juan
Lorena Juan ist Forscherin und Kuratorin mit Sitz in Berlin und Freiburg. Sie liest vor dem Einschlafen über die geologischen Phasen der Erde und beschäftigt sich mit den »verunkrauteten« Verflechtungen von Sprache.
Sonia Fernández Pan
Sonia Fernández Pan schreibt, kuratiert, produziert Podcasts und bewegt sich in migrantischen Rhythmen. »Weediness« ist ein gemeinsames Merkmal vieler Dinge, die sie interessieren. Berlin ist der Ort, an dem sie die meiste Zeit verbringt – im Austausch mit Freund*innen und Unbekannten in Zeiten von Zensur, offiziellen Unwahrheiten und mittragendem Schweigen.
Sylvia Sadzinski
Sylvia Sadzinski kuratiert, forscht, schreibt, lehrt und hält Vorträge. Obwohl ihr Nachname auf Polnisch »die Pflanzende« bedeutet, interessiert sie sich nicht für Gartenarbeit, sondern für das Schaffen von Räumen und Momenten des Zusammenkommens.