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Promising Premises

Andrea Acosta
Jelena Fužinato & Patricia Sandonis
KMRU
Eva-Fiore Kovacovsky
Ioana Vreme Moser

Grafik: Viktor Schmidt

Ausstellung
10.3. – 14.5.2023

Kuratiert von
Lusin Reinsch und Cleo Wächter

»Promising Premises« ist der erste Teil des Jahresprogramms GLEANING

Veranstaltungen

9.3.2023 18–21 Uhr
Eröffnung


21.3.2023 18:21 Uhr
Between Us and Nature –
A Reading Club*


13.4.2023 19 Uhr
»The Gleaners and I«
Agnès Varda
Filmvorführung*

29.4.2023 16:30 Uhr
»RePlay«
Ein Audio Drift
mit Iman Deeper und
Claudius Hausl*

13.5.2023 18–21 Uhr
Finissage

* Für die Teilnahme bitte unter visit@baerenzwinger.berlin anmelden.

Details zu den Veranstaltungen
werden online veröffentlicht.

Eine zerbrochene Glasflasche, die sich tapfer aufrecht hält. Das Geräusch eines Krankenwagens hüllt sich in ein Lied. Nasses Glas sendet bei Berührung eine Frequenz. Regenwasser, das sich sanft mit Sand vermischt, wird langsam immer fester, bis es sich zu Beton geformt hat. Ein Buchenblatt, das sich zu entfalten beginnt, viele werden folgen.

Die Gruppenausstellung »Promising Premises« (‚Aussichtsreiche Voraussetzungen‘ oder ‚Viel versprechendes Gelände‘) zeigt unterschiedliche künstlerische Herangehensweisen an das Konzept des ‚Gleaning‘ und betrachtet die Beziehung zwischen Sammeln und Erinnerung in städtisch-ländlichen Räumen.

‚Gleaning‘ ist, einfach ausgedrückt, der Akt des Sammelns von dem, was nach der Ernte auf dem Land liegen geblieben ist. Aufgesammelt wird das, was durch die etablierten Strukturen hindurchgefallen ist. Es ist eine Praxis, die hoffnungsvoll ist, eine rücksichtsvolle Haltung einnimmt und in der west- und mitteleuropäischen Tradition in Gruppen durchgeführt wurde.

In der heutigen Zeit hat sich die Bedeutung und Haltung dieser Praxis fortgesetzt, aber verändert und erweitert, wie in Agnès Vardas Dokumentarfilm »The Gleaners and I« zu sehen ist. Man hebt eine Kartoffel, einen Gegenstand, einen Gedanken auf und überlegt: Wie kann dies verwendet werden? In Zeiten von (im-)materieller Knappheit, wirtschaftlicher Inflation, politischer Unsicherheit und einer tiefen Klimakrise eröffnet diese Praxis eine Möglichkeit, um mit unserem sozialen und ökologischen Umfeld in Verbindung zu treten. Manchmal bedeutet es, etwas zurückzulassen, Raum offen zu halten. 

Denn ‚Gleaning‘ ist in erster Linie eine Art der Wahrnehmung. Es bedeutet, der Umgebung mit offenen Sinnen zu begegnen. Auf der Suche nach dem Unbeachteten, dem auf den ersten Blick Unwichtigen. Es balanciert zwischen Betrachten und Bewerten. Mit seiner Anwendung üben wir uns in Achtsamkeit.

In fünf zeitgenössischen Positionen nimmt die Gruppenausstellung Ideen des ‚Gleaning‘ aus dem Feld auf und untersucht ihre Übersetzung in die künstlerische Praxis. Mit Installationen, Skulpturen, fotografischen und akustischen Arbeiten zeigen die teilnehmenden Künstler*innen ein breites Spektrum des künstlerischen ‚Gleaning‘: von dem Durchsuchen von Archiven und der Adaption bestehender Projekte bis hin zur Entwicklung neuer (ortsspezifischer) Werke, wobei das Vertraute neu interpretiert, re-kontextualisiert und umgelenkt wird.

Thematisch bewegen sie sich zwischen dem Urbanen und dem Ökologischen, dem Archiv und dem Aktuellen, dem Selbst und dem Kollektiv sowie den starren Strukturen und weichen organischen Strömungen dazwischen, und alle beschäftigen sich mit Raum und der Erfahrung von Ort oder Wegen dorthin. 

Der Titel »Promising Premises« verweist auf das hoffnungsvolle Umherstreifen durch die (Stadt)-Landschaft und lädt das Publikum ein, das Vertraute wahrzunehmen und neu zu werten: Buchenblätter, Glasscherben, Rauschen, Fluidik und Beton. Und so selbst als Gleaner*in in den Frühling zu gehen.

Andrea Acosta

Andrea Acosta ist eine interdisziplinäre Künstlerin, die sich in ihrer Arbeit mit den Begriffen Natur und Landschaft und deren Interaktion mit der gebauten Umwelt auseinandersetzt. Ihre prozessbasierte Praxis kombiniert Feldforschung in natürlichen und urbanen Räumen mit Zeichnung, Skulptur, Installation und Fotografie. Indem sie die Spannungen zwischen organischen und industriellen Materialien sowie Prozessen erforscht, reflektiert sie über die ständige Transformation von Materie, Blicken und Territorien und die Geschichten, die wir über sie erzählen. Indem sie mit dem Potenzial von Fragmenten und Überresten experimentiert, schlägt sie spekulative Wege vor, über die Ökologie unseres Alltags und deren Verbindung zu umfassenderen Erzählungen.

Acosta hat einen Master-Abschluss in Public Art and New Artistic Strategies von der Bauhaus-Universität in Weimar (DE) und hat am Goldrausch Künstlerinnenprojekt art IT postgraduate programme in Berlin teilgenommen. Ihre Arbeiten wurden international in Europa, Lateinamerika und Asien in Institutionen wie der Ifa-Galerie in Berlin, dem Gropius-Haus in Dessau, der Jan van Eyck Academy in Maastricht (NL), dem Institut national d’histoire de l’art in Paris (FR), dem Museum of Modern Art in Medellín (CO), Les Rencontres D’Arles (FR) und dem Gyeonggi Museum of Modern Art in Seoul (KR) gezeigt. Sie erhielt den Uniandino-Kunstpreis (Bogotá), einen öffentlichen Kunstauftrag von Les Nouevaux Commaditaires (ES) und war unter anderem Artist in Residence im Palais de Tokyo (FR), in der Stiftung Bauhaus in Dessau und in der Cite des Arts in Paris. Acosta wurde in Bogotá geboren und lebt und arbeitet heute in Berlin.

www.andreaacosta.net

Jelena Fužinato & Patricia Sandonis

Patricia Sandonis (geboren 1984, Valladolid, ES) ist eine Konzeptkünstlerin mit Sitz in Berlin. Sie studierte Bildende Kunst an der Complutense Universität UCM, Madrid (2007). 2014 absolvierte sie den Master Kunst im Kontext an der UdK Universität in Berlin, wo sie sich auf Kunst im öffentlichen Raum und partizipative Praxis spezialisiert hat.

Patricia Sandonis beschäftigt sich in ihrer konzeptuellen, multimedialen Praxis vor allem mit Systemen und Räumen der Kollektivität – den sozialen Phänomenen unserer alltäglichen Umgebungen. Ihre Untersuchung, die oft einen partizipativen Ansatz verfolgt, entfaltet sich anhand von Zeichnungen, Gemälden, Installationen und Ready-mades, die Erinnerungen, Momente und Eindrücke aus städtischen öffentlichen Räumen abstrahieren und rekonstruieren. Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen und Bewegungen durchforstet Sandonis persönliche und zeitgenössische sowie historische Erzählungen, um über die mögliche Ästhetik kollektiver Erinnerung und Identität in der Gegenwart zu spekulieren und dabei die Rolle der Kunst im Alltag zu aktivieren.

Jelena Fužinato arbeitet mit Zeichnungen und Installationen, um autoritäre Beziehungen innerhalb von Institutionen wie Familie, Schulen, Museen und Staaten zu untersuchen. Fužinato befasst sich mit realen Ereignissen, die sie jedoch spekulativ und fiktiv behandelt und darstellt. Die Werke und Methoden, die sie wählt, stehen häufig im Widerspruch zu zentralen Erzählungen und sprechen über soziale Randpositionen von Dingen und Lebewesen. Ihre vielschichtige Herangehensweise bringt vorhandene Referenzen und fabrizierte Informationen zusammen, um neue metaphorische Erzählungen zu generieren. 

Fužinato wurde in Prnjavor, Bosnien und Herzegowina, geboren und lebt in Berlin. Neben ihrer künstlerischen Praxis arbeitet sie als künstlerische Leiterin und Dozentin an kollaborativen Projekten zu feministischen und pädagogischen Themen. Zuletzt erhielt sie 2022 das nGbK-Vermittlungsstipendium (Berlin, DE) und gewann den Kunst am Bau-Wettbewerb für das Zillehaus mit ihrer Arbeit ‚O.T. gravuren‘.  Sie lebt und arbeitet in Berlin, Deutschland.

KMRU

KMRU ist das Alias von dem in Nairobi geborenem und in Berlin lebendem Klangkünstler Joseph Kamaru, der derzeit Sonic Arts in Berlin studiert. Seine Arbeit basiert auf dem Diskurs von Field Recording, Noise und Sound Art. Seine Arbeit stellt erweiterte Hör-Kulturen von klanglichen Gedanken und Klang-Praktiken vor, ein Vorschlag, um über auditive Kulturen jenseits der Normen nachzudenken und sie zu reflektieren.

Mit seinen Auftritten an weit verstreuten Orten wie dem Barbican (London, UK), Berlin Atonal (DE), dem CTM-Festival (Berlin, DE), Dekmantel (Amsterdam, NL), Le Guess Who (Utrecht, NL) und seinen profunden Veröffentlichungen bei Editions Mego, Subtext, Seil Records und Injazero hat er internationale Anerkennung gefunden. 2022 Spielte er als Support für Big Thief in Großbritannien/EU und tourte mit Fennesz in den USA.

Eva-Fiore Kovacovsky

Eva-Fiore Kovacovsky ist fasziniert von Zyklen des Wachstums, der Fruchtbarkeit und Reproduktion. In ihrer künstlerischen Arbeit ist oft das Sammeln, Studieren und Untersuchen von Pflanzenteilen der Ausgangspunkt. Um die Koexistenz verschiedener Pflanzen, Parasiten und Symbiosen sowie den Einfluss und Gebrauch der Pflanzen durch den Menschen zu erforschen, experimentiert sie mit Techniken der Reproduktion sowie mit verschiedenen fotografischen Bildträgern.

Kovacovsky ist geboren in Bern und lebt und arbeitet in Berlin. Sie hat an der Schule für Gestaltung Basel studiert und ein Bachelorstudium in Fotografie an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam absolviert. Einzelausstellungen hatte sie u.a. in der Bäckerei Moabit, Berlin; Kunstfort (Vijfhuizen/NL); Aargauer Kunsthaus, (Aarau/CH); Galerie STAMPA,(Basel/CH); Malonioji 6, (Vilnius/LT) Ihre Arbeit wurde in diversen Gruppenausstellungen gezeigt, u. a. im C/O Berlin, Uckermark Festival, Kunsthall (Stavanger,NO), Fotografiska, (Stockholm,SE), Kunstmuseum (Thun/CH), FOAM (Amsterdam/NL).

Sie war Gastdozentin an der Gerrit Rietveld Academie, der School of Arts – KASK in Gent und der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Sie wird durch die Galerie STAMPA in Basel vertreten und  in 2023 wird ihr Künstlerbuch Fotogramme (Arbeitstitel) bei ROMA Publications erscheinen. Eva-Fiore leitet zusammen mit Sina Ribak ‘Between Us and Nature – A Reading Club’.

Ioana Vreme Moser

Ioana Vreme Moser ist eine rumänische Klangkünstlerin, die sich mit Hardware-Elektronik, spekulativer Forschung und taktilen Experimenten beschäftigt.

In ihrer Praxis verwendet sie raue elektronische Prozesse, um verschiedene Materialitäten von Klang zu erhalten. Sie platziert elektronische Komponenten und Steuerspannungen in verschiedenen Situationen der Interaktion mit ihrem Körper, organischen Materialien, verlorenen und gefundenen Gegenständen und Umweltreizen. Aus diesen Kollisionen entstehen synthetische Klänge, die persönliche Erzählungen und Beobachtungen über die Geschichte der Elektronik, deren Produktionsketten, Brachflächen und Verwicklungen in die natürliche Welt enthalten.

Sie hat unter anderem in der National Gallery of Denmark (DK), Fonderie Darling (CA), Akademie der Künste Berlin (DE); Manifesta 14 (XK); SFX – Sound Effects Seoul (KR), Ars Electronica (AT), Bunkier Sztuki Gallery Krakow (PL); Simultan Festival (RO); Eigen+Art Lab – Transmediale, Berlin (DE) ausgestellt.

www.ioanavrememoser.com

Eröffnung

9.3.2023 von 18–21 Uhr

Heißgetränke werden angeboten.

Am 9. März 2023 von 18 bis 21 Uhr lädt der Bärenzwinger zur Eröffnung der Gruppenausstellung »Promising Premises« mit Arbeiten von Andrea Acosta, Jelena Fužinato & Patricia Sandonis, KMRU, Eva-Fiore Kovacovsky, Ioana Vreme Moser ein. »Promising Premises« (‚Aussichtsreiche Voraussetzungen‘ oder ‚Viel versprechendes Gelände‘) zeigt künstlerische Herangehensweisen an das Konzept des ‚Gleaning‘ und betrachtet die Beziehung zwischen Sammeln und Erinnerung in städtisch-ländlichen Räumen.

Zwischen 20 und 21 Uhr wird das Künstlerinnen-Duo Jelena Fužinato und Patricia Sandonis am Eröffnungsabend vor Ort eine Betonierung ausführen. Die Aktion ist Teil ihrer Beton-Installation ‘Hard Core Soft Edges’.

Zur Vorbereitung der ortsspezifischen Arbeit wurde Regenwasser am Bärenzwinger gesammelt und mit Zement vermischt. Zusammen mit gesammelten Objekten (wie natürlichen Bruchstücken und verstreutem Müll, der in und um den Ort gefunden wurde) bildet diese Fusion die Grundlage für die Verfestigung ihrer gemeinsamen Arbeit.

Between Us and Nature –
A Reading Club

21.3.2023 um 18:21 Uhr

Für die Teilnahme bitte unter visit@baerenzwinger.berlin anmelden.

Die Texte werden in englischer Sprache gelesen.

Der Leseclub »Between Us and Nature« lädt dazu ein, Text-Passagen gemeinsam laut zu lesen sowie Erfahrungen und Gedanken über die Natur, in der wir leben, zu teilen.

Jede Leserunde eröffnet einen Raum, der über Disziplinen hinweg aus einer überwiegend weiblichen* Perspektive auf Bakterien, Algen, Pilze, Böden und multi-naturalistische Narrative schaut, um von und mit ihnen zu lernen.

»Städte sind wie die Mitochondrien in unseren tierischen Zellen. Konsumenten, die von den Autotrophen zehren, von der Photosynthese einer fernen grünen Landschaft.« (1)

Die Leserunde, die zum Sonnenuntergang der Frühlingssonnenwende stattfindet, ist eine Einladung, verschiedene Praktiken des »Gleaning« zu sammeln und über die Möglichkeiten des Zusammenlebens, in mehr-als-städtischen (more-than-urban) Umgebungen, zu spekulieren.

Eva-Fiore Kovacovsky, Künstlerin, und Sina Ribak, Forscherin für Ökologie und Kunst, veranstalten seit 2017 in Zusammenarbeit mit dem Zabriskie Buchladen für Kultur und Natur »Between Us and Nature – A Reading Club« in Berlin.

(1) Robin Wall Kimmerer, Geflochtenes Süßgras – Die Weisheit der Pflanzen, Aufbau Verlag, Berlin, 2021, 229.