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Nie wieder und jetzt

mit
Laura Fiorio
Jakob Ganslmeier

Grafik: Viktor Schmidt/Nora Keilig


Ausstellung

9.5 – 21.7.2024

Kuratiert von Julius Kaftan und Lina Kröger

»Nie wieder und jetzt« ist der zweite Teil des
Jahresprogramms KANTEN UND KNOTEN

Veranstaltungen

8.5.2024 ab 18 Uhr
Eröffnung

1.6.2024 um 15 Uhr
Workshop mit Laura Fiorio

19.7.2024 19 Uhr
Die unerzählte Geschichte von Mohammad Peter (Theaterperformance) Kollektiv Scheherazade

21.7.2024 16 Uhr
Finissage

Die Ausstellung „Nie wieder und jetzt“ setzt sich mit Rechtsextremismus auseinander. Sie fragt nach dem historischen Vermächtnis und der sozialen wie politischen Aktualität rechtsextremen Gedankenguts, der Verbreitung nationalsozialistischer und neonazistischer Symbole und Ideologien und dem Umgang mit dem schwierigen Erbe des Nationalsozialismus in den Familiengedächtnissen der deutschen Bevölkerung.

Und sie zeigt zugleich einen Möglichkeitsraum der Vergangenheitsbewältigung auf: Die Ausstellung versteht sich als Versuch, Reflexionsprozesse zu initiieren, in der durch die Thematisierung individueller und kollektiver Erinnerungen eine Standortbestimmung und Selbstkritik ermöglicht wird.

Ausgangspunkt der Ausstellung bildet daher eine Standortbestimmung des Ausstellungsortes. Vor seiner heutigen Nutzung als kommunale Kunstgalerie war der Bärenzwinger ein, wie der Name verrät, Bärengehege zum Amüsement der Berliner*innen – mit einer mehr als allein tierethisch problematischen Geschichte: Der Bärenzwinger wurde am 17. August 1939, zwei Wochen vor dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, in Anwesenheit des Berliner Bürgermeisters und Nationalsozialisten Julius Lippert und „zahlreiche[r] führende[r] Männer von Staat und Partei“, wie es in der Berliner Morgenpost am Folgetag hieß, eröffnet. Der Impuls zum Bau eines Bärenzwingers ging auf die Anregung der Stadtgesellschaft zurück. Ein wichtiger Fürsprecher war Wilfried Bade. Bade war Mitarbeiter und ab 1940 Ministerialrat im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter der Leitung von Joseph Goebbels und auch mit diesem bekannt. Er hatte am 23. August 1937 einen Aufruf in der B.Z. am Mittag veröffentlicht, in dem er die Notwendigkeit eines lebendigen Symbols im Herzen der Stadt bekräftigte. Lippert nahm diese Anregung wohlwollend auf und veranlasste den Bau eines Zwingers. In den Tagen vor dessen Eröffnung erschienen täglich Artikel in der B.Z. am Mittag und anderen Berliner Tageszeitungen. Ein Artikel vom 9. August 1939 von Ludwig Heck, zoologischer Leiter des Berliner Zoos sowie Rassentheoretiker und Nationalsozialist, erklärte den Leser*innen, der Bär sei stärker als ein Löwe, unberechenbar, eigensinnig und sehr geschickt. Eine Erklärung, die zweifelsohne als Selbstsymbolisierung verstanden werden durfte und auch in die politischen Agitationen und rhetorischen Aufrüstungen des NS-Regimes kurz vor Kriegsbeginn passte. Dem Bärenzwinger als Gebäude ist also dezidiert eine nationalsozialistische Vergangenheit eingeschrieben.

Jakob Ganslmeier präsentiert zwei Arbeiten. Bei der ersten Arbeit, „Haut, Stein“, handelt es sich um die fotografische Gegenüberstellung des Verbleibens, Verwendens und Verwischens einschlägiger nationalsozialistischer bzw. neonazistischer Symbole aus zwei Perspektiven: Die Farbfotos („Haut“) im Lichthof des Bärenzwingers, die in Zusammenarbeit mit EXIT-Deutschland entstanden sind, zeigen Porträts von ehemaligen Neonazis, die im Prozess des Ausstiegs aus der rechtsextremen Szene auch die symbolischen, oft verbotenen Inskriptionen in ihrer Haut, ihre Tattoos entfernen oder überstechen lassen. Hakenkreuze, SS-Totenköpfe, Schwarze Sonnen und ähnliches sind teils noch blass zu erkennen. Die Tattoos gehören zu Körpern ehemaliger Kameradschaftsführer, Mitglieder der Partei NPD, der Neonazi-Untergruppierung „Hammerskins“ oder der „Autonomen Nationalisten“. Doch die Maßnahmen zur Entfernung und das Übertätowieren dauern Zeit und erzeugen mehr als allein physischen Schmerz. Die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und die Endgültigkeit des Ausstiegs haben tiefgreifende Brüche in den individuellen Lebensrealitäten zur Folge. Diese Brüche gehen oft auch mit sozialen Zäsuren einher. Denn es ist nicht selten das soziale Umfeld, das das Ferment der Radikalisierung bildet oder diese begünstigt. Ein Ausstieg aus der rechtsradikalen Szene führt daher immer auch zum entschiedenen Abbruch freundschaftlicher und/ oder familiärer Beziehungen. Die Initiative EXIT-Deutschland unterstützt Menschen beim Ausstieg aus der rechtsextremen Szene und bei der Entwicklung neuer Perspektiven. In diesem Sinne zeugen die Porträts von der Möglichkeit, durch die Selbstkritik und die Problematisierung identitätsstiftender Handlungs- und Denkgewohnheiten einen Wandel zu ermöglichen. Die Nacktheit und Nähe der Porträtierten provozieren dabei zugleich eine Unmittelbarkeit, in der auch die absolute Grenze zwischen Betrachter*in und Dargestelltem unterlaufen wird. Die Schwarzweißfotos („Stein“) im Graben – die zweite Perspektive – zeigen historische NS-Symbole, die an zahlreichen Orten im öffentlichen Raum fragmentarisch sichtbar geblieben sind: in und an der Architektur. Ganslmeiers Bilder enthüllen diese Fragmente und untersuchen ihren weiteren räumlichen Zusammenhang. Doch die heutige Nutzung der Orte bleibt gegenüber der Symbolik und ihrem Ursprung oft gleichgültig. Und es ist nicht zuletzt diese Gleichgültigkeit, die die Existenz nationalsozialistischer Symbole im öffentlichen Raum normalisiert. „Stein“ bildet somit das Kontrastprogramm zu „Haut“, da die abgebildeten Architekturdetails für eine stille Kontinuität, ein Reflexionsdefizit stehen – eine Kontinuität wiederum, die in „Haut“ gebrochen wird.

Ganslmeiers zweite Arbeit, im mittleren Zwinger, die er in Zusammenarbeit mit Ana Zibelnik konzipiert und entwickelt hat, ist eine Zweikanal-Videoinstallation, in der historisches („Strong is beautiful“) mit zeitgenössischem Videomaterial („War Room“) in einen Dialog gebracht wird. Der Titel „Public Enlightenment“ (engl. Volksaufklärung) ist eine Referenz zum Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. In den collagierten Videos sind zum einen Sequenzen historischer Propagandafilme der NS-Medienmaschinerie zum anderen Ausschnitte aus zeitgenössischen Youtube-Videos der sogenannten Neuen Rechten, bzw. der globalen, häufig auch global vernetzten rechtsextremen Bewegungen wie der amerikanischen Alt-Right-Bewegung, der italienischen Postfaschisten usw. zu sehen. „Strong is Beautiful“ setzt sich mit dem sozialdarwinistischen und kulturästhetischen Selbstverständnis der Nationalsozialisten auseinander: Der Kampf ums Dasein wurde als conditio humana, als Existenzbedingung des Menschen in Szene gesetzt und mit Vorstellungen von militärischer und körperlicher Wehrhaftigkeit, Korpsgeist und völkischem Zusammenhalt verbunden. Die darin enthaltene Menschenfeindlichkeit wiederum wurde durch eine Zurschaustellung von Fröhlichkeit und zwischenmenschlicher Intimität (vermeintlich) aufgehoben. Wie in „Strong is beautiful“ gilt auch für „War Room“ der grundsätzliche Befund, dass Radikalisierung und Ideologisierung medial vermittelt sind. Anders als zur Zeit des Dritten Reiches jedoch finden diese heute zumeist dezentraler und im Internet statt – durch den Gebrauch und/ oder die Verfremdung von Bildern, Symbolen und Memes. „War Room“ fragt, welchen Ursprung die Faszination mit Verschwörungstheorien, Nazi-Nostalgie sowie die Relativierung der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen haben und zeigt zugleich, dass zeitgenössischer Rechtsextremismus in vielfältigen Formen erscheint. Die teils schockierenden Inszenierungen und Abbildungen von Gewalt dienen hier aber nicht der bloßen Reproduktion des Materials, sondern sind als Reframing ihrer ursprünglichen Zwecke und Bedeutungshorizonte intendiert.

Laura Fiorios Arbeit im Bärenzwinger ist Teil ihres künstlerischen Projekts „My Fascist Grandpa“. Das Projekt thematisiert, ausgehend von ihrer eigenen privaten Familiengeschichte, die oft tabuisierte und verschwiegene faschistische sowie koloniale Vergangenheit Italiens. Dafür sammelt sie Erbstücke aus Familienarchiven, Fotos, Briefe u.ä., und projiziert diese als verfremdete und verfremdende Interventionen auf faschistische Gebäude, um deren historische Hintergründe hinter der Fassade zu enthüllen. Die Fortsetzung des Projekts im Bärenzwinger ist prozessual und partizipativ angelegt. Durch einen Aufruf haben die Künstlerin und die Kuratorinnen der Ausstellung die lokale Öffentlichkeit dazu aufgerufen, Materialien abzugeben, die mit dem deutschen Faschismus: dem Nationalsozialismus in Zusammenhang stehen. Die Materialien wurden von Fiorio skulptural arrangiert, um die individuellen und privaten Geschichten und Erinnerungen in einen größeren diskursiven Kontext zu stellen und in die Öffentlichkeit zu bringen. Das Projekt ist dabei so angelegt, dass Besucherinnen auch über den Zeitraum der Ausstellung Materialien abgeben und teils selbstständig einbauen können. Dadurch werden die Besucher*innen nicht bloß als Teilnehmende aktiviert, sondern in den Diskurs einbezogen und zur kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte herausgefordert. Begleitet wird die Ausstellung außerdem von einem Workshop, der Möglichkeit zur weiteren Vertiefung bietet. Fiorios dreiteilige Intervention im Bärenzwinger beginnt im linken Käfig. Es ist das Schweigen und der Reflexionsstau der oft schambehafteten, verdrängten Individualgeschichten, die hier fokussiert werden. Zwei Leica- Diaprojektoren der Marke Leitz, gebaut in den 1930er Jahren, werfen Bilder verstorbener Faschisten und Nationalsozialisten auf hintereinander hängende Textildrucke mit Bildern derselben und anderer historischer Personen. Die Porosität und Durchlässigkeit der Drucke und die dadurch entstehende Interaktion zwischen ihnen weist wiederum auf die Wechselbezüglichkeit von Individual- und Kollektivgeschichten hin. Damit wird zugleich die Diskrepanz zwischen kollektiver Abgrenzung und individueller Aufarbeitung des familiären nationalsozialistischen Erbes problematisiert. Laut Erinnerungsmonitor (MEMO Deutschland) zählen nur 23 Prozent der Deutschen ihre Vorfahren zur Gruppe der Täter*innen, während 36 Prozent angeben, ihre Familienangehörigen wären Opfer des NS-Regimes gewesen. Indessen vermuten mehr als 30 Prozent, sie hätten selbst aktiven Widerstand geleistet. Schätzungen zufolge belief sich der Anteil aber faktisch auf nicht einmal 0,3 Prozent. In Anbetracht und entgegen dieser krassen Unstimmigkeiten zeigt Fiorio im rechten Zwinger die ersten Ergebnisse des Aufrufs. Hier sind Materialien (Fotos, Briefe, Geschirr etc.) in einer schwebenden Skulptur installiert. Ihr Schwebezustand steht stellvertretend für die fragile Unabgeschlossenheit und die Notwendigkeit eines moralischen Regulativs im Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe. Die Bildprojektionen der Overheadprojektoren werfen zugleich Schatten, das heißt Leerstellen an die Wand des Zwingers und damit Licht auf das Problem historischer Überlieferung: Was ist absichtlich oder unabsichtlich für immer dem Vergessen verfallen und wie ist damit aus erinnerungspolitischer und gesellschaftlicher Sicht umzugehen? Wie kann darüber hinaus der Instrumentalisierung des (Un-)Wissens über die Geschichte vorgebeugt werden? Der Diskurs über das nationalsozialistische Erbe bekommt im Beiklang dieser Fragen selbst einen historischen Ton. Dem widmet sich der dritte Teil von Fiorios Intervention: Im Vorraum zum Bärenzwinger – der zugleich Ein- wie Ausgang bildet – ist eine raumgreifende Videoinstallation zu sehen, in der die Variabilität und Geschichtlichkeit historischer wie gegenwärtiger Bedeutungszusammenhänge in Echtzeit und in Endlosschleife abgerufen und vollzogen werden. Ein Gespräch über Bäume, wie es in Brechts Gedicht An die Nachgeborenen heißt, ist in im Sinne historischer Entwicklung heute nicht mehr ein Verschweigen von Verbrechen. Vielmehr ist es ein notwendiger Bestandteil der Diskussion um die Frage, welche Folgen der Klimawandel für den sozialen Frieden, die Entwicklung der Demokratie und der Umgang mit ihrem größten Feind, dem Rechtsextremismus hat. Rechtsextremismus ist nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ein globales Problemfeld.

Eröffnung

8.5.2024 ab 18:00 Uhr

Eintritt frei

Am Mittwoch, den 8. Mai 2024, lädt der Bärenzwinger ab 18 Uhr herzlich zur Eröffnung der Ausstellung »Nie wieder und jetzt« ein.

Die Duo-Ausstellung vereint die künstlerischen Arbeiten der Künstler*innen Laura Fiorio und Jakob Ganslmeier.

In vier Ausstellungen unter dem Titel »Kanten und Knoten« erkundet der Bärenzwinger Linien als grundlegendes Element von Netzwerken, in denen Knoten für Menschen oder Orte stehen und Kanten die Beziehungen zwischen ihnen darstellen – angelehnt an die Graphentheorie, nach der Knoten einzelne Punkte und Kanten die Verbindungen zwischen ihnen repräsentieren.

Die zweite Ausstellung im Jahr 2024 geht der Frage nach, welche Grenzverhandlungen und Verbindungen im Kontext des (Rechts-)Extremismus entstehen.

Begleitet wird die Ausstellung von einem Workshop der Künstlerin Laura Fiorio und einem Performanceprogramm vom Kollektiv Scheherazade.

Aufruf zur Abgabe

Für die Ausstellung »Nie wieder und jetzt« im Bärenzwinger Berlin laden die Kurator*innen Lina Kröger und Julius Kaftan zusammen mit der Künstlerin Laura Fiorio dazu ein, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Dabei soll es insbesondere um die Thematisierung des Nationalsozialismus und den Umgang mit diesem Erbe in den Familiengedächtnissen der deutschen Bevölkerung gehen. Ausgehend von ihrer eigenen Familiengeschichte beschäftigt sich die italienische Künstlerin Fiorio mit den Möglichkeiten, tabuisierte und verdrängte individuelle Geschichten und Erinnerungen aus dem Privaten in den öffentlichen Raum und die öffentliche Diskussion zu übertragen. Auch der Bärenzwinger setzt sich im Rahmen der Ausstellung mit seiner eigenen Geschichte auseinander. Das Gebäude wurde 1939, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs feierlich eröffnet und fungierte nicht zuletzt als Symbol der mythologischen Selbstinszenierung des NS-Regimes. 

Wie hängen diese vergangenen Geschichten zusammen und beeinflussen unsere Gegenwart?

Diese und weitere Fragen werden im Laufe der Ausstellung aufgegriffen.

Sie können mit Ihren eigenen Objekten, Familienfotos, Briefen oder anderen Dokumenten und Gegenständen beitragen, die mit dem nationalsozialistischen Erbe in Verbindung gebracht werden können. Es können auch Kopien der Dokumente und Gegenstände abgegeben werden. Die Materialien sollen Teil der Ausstellung werden. Die Abgabe kann sowohl anonym als auch unter Angabe eines Namens erfolgen. Es wird ein Formular zur Erfassung (zwecks späterer Abholung etc.) der Dokumente und Gegenstände bereitliegen.

Begleitend zur Ausstellung werden Workshops angeboten, in denen die Fragen zur individuellen und kollektiven Erinnerung gemeinsam diskutiert werden können.

Bei Fragen wenden Sie sich gerne an uns, unter: 

Lina.Kroeger@ba-mitte.berlin.de;
Julius.Kaftan@ba-mitte.berlin.de  

Wo kann abgegeben werden?
Bärenzwinger Berlin
Rungestraße 30
10179 Berlin
oder an: hello@laurafiorio.com

Wann kann abgegeben werden?
5.4. – 28.4.24,
Di-So, 11-19 Uhr

29.04. – 7.5.24,
11-17 Uhr

Ausnahme: Am 1. Mai ist der Bärenzwinger geschlossen

Laura Fiorio

Laura Fiorio (geb. 1985) ist eine Künstlerin, die mit Fotografie, Installation und relationaler Praxis arbeitet. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Ihre Projekte, die durch chorische Erzählungen entwickelt werden, interagieren mit bestehenden Archiven und Materialien und hinterfragen die Machtdynamik, die in den Bearbeitungsprozess von Bildern als Erinnerungen eingebettet ist, ihren institutionalisierten Gebrauch und damit ihr kritisches und heilendes Potenzial.

Sie hat mit partizipativer und multimedialer Fotografie in sozialen Projekten gearbeitet, insbesondere mit Gefangenen, Menschen mit Behinderung und Obdachlosen.

Jakob Ganslmeier

Jakob Ganslmeier (geb. 1990) ist visueller Künstler und Fotograf. Er lebt und arbeitet in Den Haag, Niederlande. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt darauf, Darstellungen radikaler Ideologien zu demontieren, indem er mittels eines partizipativen und künstlerischen Ansatzes gegensteuert. So entstehen Räume und Fragen, die das geschlossene ideologische System brechen.

Seine Arbeiten wurden in Gedenkstätten und Kunstinstitutionen wie dem Foam Museum Amsterdam, dem Museum für zeitgenössische Kunst in Krakau – MOCAK, der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora sowie dem Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst in Cottbus ausgestellt und mit Preisen wie dem European Photo Exhibition Award, ZOZ Academy Grant und den Förderpreis der Lotto Brandenburg Stiftung ausgezeichnet.

Seit 2021 arbeitet er zusammen mit der visuellen Künstlerin Ana Zibelnik.

Nie wieder und jetzt?

Mein Nazi-Großvater

Wann: 1.6.2024 um 15 Uhr mit Laura Fiorio

Wo: Bärenzwinger Berlin, Rungestraße 30, 10179 Berlin.

Anmeldung erforderlich bis spätestens 31.05.24, 15 Uhr über folgenden Link:
docs.google

Aufgrund der Größe der Räumlichkeiten werden maximal 10 Teilnehmer*innen am Workshop teilnehmen können. Sie werden per Mail benachrichtigt. Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Der Historikerin Ann Laura Stoler folgend, lässt sich mit Blick auf die Geschichte in manchen gegenwärtigen Diskursen eine „Aphasie“ feststellen, das heißt eine Unfähigkeit, über die eigene Vergangenheit zu sprechen, insbesondere wenn es darum geht, systemische Gewalt und Machtverhältnisse nachzuzeichnen.

Ausgehend von ihrer eigenen Familiengeschichte und der Verwicklung ihres Großvaters in das faschistische Regime in Italien sowie in den Kolonialkrieg in Äthiopien, entwickelt Fiorio ein kollaboratives Langzeitprojekt, das partizipative Archivierungsmethoden einsetzt, um sich mit Geschichten zu befassen, die aufgrund ihrer intimen Betroffenheit die Normalisierung von Ideologien aufzeigen.

Wie beeinflussen diese Hinterlassenschaften unsere Gegenwart?

Dieser Workshop lädt die Öffentlichkeit ein, Gegenstände (Bilder, Objekte, Dokumente) oder mündliche Erinnerungen aus ihren eigenen Familienarchiven mitzubringen oder Familiengeschichten zu teilen, die als „schwieriges Erbe“ betrachtet werden können, insbesondere im Zusammenhang mit der NS-Zeit in Deutschland. Das gesammelte Material wird aktiviert, um eine Diskussion an der Schnittstelle von öffentlich und privat zu initiieren.

Ziel ist es, einen Raum für Austausch und Diskussion zu schaffen, um Verbindungen zwischen den vielfältigen persönlichen Geschichten herzustellen, aber auch über die vielen stillen und verborgenen Spuren in unserem Alltag nachzudenken. Durch die kollektive Entfaltung von Erzählungen und Geschichten, die mit dem Verlust von Demokratie und Völkermorden verbunden sind, lädt der Workshop zum Nachdenken über die Gegenwart ein.

Der Workshop richtet sich an Einzelpersonen, die ihre Erinnerungen öffnen und gemeinsam private Archive öffnen möchten und einen sicheren Raum und eine vertrauensvolle Gemeinschaft brauchen, um sie zu teilen. Die Gruppe wird die Möglichkeiten und Wege der Wiederverwendung der gesammelten Gegenstände und Dokumente diskutieren, um die persönliche und kollektive Geschichte zu überdenken und neu zu schreiben. Ziel ist es, das Geschichtenerzählen zu üben und gemeinsame Methoden anzuwenden, um revisionistischen Absichten, einseitigen teils institutionalisierten Erzählungen und der Instrumentalisierung der Geschichte zu begegnen. Der Workshop ist auch eine Einladung, sich daran zu erinnern, dass jede einzelne Erzählung von Bedeutung ist und eine Rolle bei der Gestaltung der Geschichte spielt.